In der Welt der Medizin und der Forschung gibt es einen deutlich erkennbaren Gender-Health-Gap, der nicht nur die Qualität der Diagnosen beeinflusst, sondern auch die Behandlung von Krankheiten. Dieser Unterschied wird insbesondere durch die vorherrschende Ausrichtung der Medizinforschung am männlichen Körper verursacht. Die Konsequenzen sind gravierend, wie das Beispiel ADHS zeigt. Lange Zeit wurde angenommen, dass Jungen viermal häufiger betroffen sind als Mädchen. Doch in Wirklichkeit bleibt ADHS bei Mädchen oft unentdeckt, da sich die Symptome bei ihnen anders äußern. Während Jungen häufig hyperaktiv und impulsiv sind, zeigen Mädchen weniger auffällige Verhaltensweisen. So erhalten sie im Schnitt sechs Jahre später eine ADHS-Diagnose als ihre männlichen Altersgenossen, was dazu führt, dass sie lange unbemerkt leiden.
Diese systematische Vernachlässigung des weiblichen Körpers ist nicht nur in der Praxis spürbar, sondern auch in Lehrbüchern und der medizinischen Forschung. Ein Mangel an Finanzierung für Studien, die sich auf Erkrankungen konzentrieren, die überwiegend Frauen betreffen, ist ebenfalls zu beobachten. Eine Studie im Journal of Women’s Health hat gezeigt, dass Erkrankungen, die Frauen besonders betreffen, im Vergleich zu ihrer Krankheitslast deutlich unterfinanziert sind.
ADHS-Diagnose: Eine geschlechterspezifische Herausforderung
Aktuelle Daten aus dem Jahr 2023 belegen, dass ADHS etwa 5% der Kinder und Jugendlichen sowie rund 3% der Erwachsenen in Deutschland betrifft. Dabei werden Mädchen und Frauen im Durchschnitt später diagnostiziert als Jungen und Männer. Die Symptome der Hyperaktivität sind bei Mädchen häufig weniger stark ausgeprägt, was den Diagnoseprozess zusätzlich erschwert. Gesellschaftliche Erwartungen und Geschlechternormen beeinflussen, wie das Verhalten von Mädchen wahrgenommen wird und können zu einer Verzögerung der Diagnose führen. Zudem gibt es ein geringes Wissen über ADHS bei transgeschlechtlichen und geschlechterdiversen Personen.
Ein innovatives Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, die Faktoren zu identifizieren, die die ADHS-Diagnose und -Behandlung bei Mädchen, Frauen sowie transgeschlechtlichen und geschlechterdiversen Personen erschweren. Dies geschieht durch drei geplante Untersuchungen, die unter anderem die Befragung von Betroffenen und Fachkräften sowie die Analyse von Krankenkassendaten umfassen. Die Ergebnisse sollen schließlich mit den Betroffenen und Fachleuten diskutiert werden, um eine Checkliste zur Diagnostik zu entwickeln und weitere Empfehlungen zur Reduzierung von Fehldiagnosen und -behandlungen zu erarbeiten.
Ein Blick auf die geschlechtsspezifischen Gesundheitsunterschiede
Die Unterschiede in der Wahrnehmung, Bewertung und Kommunikation von Symptomen sind nicht nur für ADHS relevant, sondern ziehen sich durch viele Bereiche der Gesundheitsversorgung. Geschlechterunterschiede in Gesundheit und Krankheit sind evident und werden von verschiedenen Einflussfaktoren, wie dem biologischen und sozialen Geschlecht sowie gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, geprägt. Diese Aspekte führen zu Variationen in der Entstehung, Diagnose und Therapie von Erkrankungen.
Zusätzlich zu den Geschlechterunterschieden gibt es innerhalb der Geschlechtergruppen Unterschiede, die beispielsweise nach sozio-ökonomischem Status, Migrationsgeschichte oder sexueller Orientierung variieren. Die Berücksichtigung dieser Faktoren ist entscheidend, um eine gerechte und bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. Es ist an der Zeit, das Bewusstsein für diese Themen zu schärfen und den Gender-Health-Gap zu schließen, um allen Menschen gerecht zu werden.